Missverständnisse um Mundgeruch und Zahnstein bei Hunden und Katzen


 

Zahnstein und Mundgeruch sind mehr als nur ein Schönheitsmakel unserer Haustiere. Sie sind Bausteine einer ernstzunehmenden Krankheit, der Parodontitis. Dies ist eine der häufigsten Krankheiten unserer Hunde und Katzen und dennoch eine der meist unterschätzten. Unterschiedliche Studien zeigen, dass 60-80 % aller untersuchten Hunde und Katzen an Paradontitis leiden.

 

Der Körper und das Immunsystem des Tieres werden durch die dauerhafte Entzündung und die Bakterien tagtäglich geschwächt und sind insgesamt anfälliger für andere Krankheiten.

 

Insbesondere kleinere Hunde erkranken häufig schon im ersten oder zweiten Lebensjahr. Einigen Katzenkrankheiten führen bereits ab dem ersten Lebensjahr zu schlimmen Entzündungen.

Katze Parodontitis Entzündung Mund

Der „rote Saum“ am Zahnfleisch dieser Katze ist ein Hinweis, dass hier eine deutliche Entzündung vorliegt.

Eine Zahnbehandlung ist medizinisch notwendig.

 

Parodontitis (griechisch: para = neben; odus = Zahn) ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates. Dieser besteht aus Zahnfleisch, Parodontalfasern, Kieferknochen und Wurzelzement. Entzündungsursache sind Bakterien im Speichel , die sich leicht am rauen Zahnstein anheften können. Somit wird der gesamte Zahnhalteapparat belastet, der sich dadurch langsam zurückbildet. Das Tier hat Schmerzen und die Zähne lockern sich mit der Zeit.

 

Dieser Hund wurde wegen seines frakturierten Schneidezahnes vorgestellt. Auf den ersten Blick sind die restlichen Zähne recht unauffällig. Eine Taschentiefenmessung mit der Parodontalsonde zeigt aber, dass der Schein trügt.

 

Parodontitis wird bedauerlicherweise oft unterschätzt, sogar von vielen Tierärzten.

 

Die Tierzahnheilkunde wird im Studium der Tiermedizin kaum erwähnt. Erst Fortbildungen nach dem Studium sorgen dafür, dass entsprechende Kenntnisse vorliegen. Diese sind nicht verpflichtend um Zahnbehandlungen durchzuführen. Eine möglichst frühe Erkennung ist aber entscheidend um massive Eingriffe zu verhindern. Manche Tierärzte behandeln also nach absolut bestem Gewissen und wissen nicht, dass sie etwas übersehen.

 

Deswegen schreitet die Spezialiserung in der Tiermedizin immer weiter fort. So bemüht wir auch sein mögen, so sind wir allesamt nur Menschen und wir können nicht alles wissen.

 

Wenn im fortgeschrittenen Alter erstmals eine Zahnbehandlung durchgeführt wird, und dem Liebling plötzlich mehrere Zähne gezogen werden, sitzt für viele Besitzer der Schock tief. Dabei hätte frühzeitiges Eingreifen eine Zahnextraktion verhindern können. Ganz zu schweigen davon, dass eine professionelle Zahnreinigung eine erheblich kürzere Narkose bedeutet, als die “Massenextraktion” multipler kranker Zähne.

 

Dieser Hund wurde wegen Mundgeruch vorgestellt und nicht weil beim fressen etwas aufgefallen ist. Man sieht, dass der Zahnstein bereits Balken über mehrere Zähne gebildet hat. Dies bedeutet nicht nur ein ständiger Entzündungsherd im Körper, sondern auch ein Einbuße an Lebensqualität durch die chronischen Schmerzen. Insgesamt 19 Zähne musste ich ziehen.

 

Vorsorgeuntersuchungen der Mundhöhle sind besonders notwendig bei Haustieren, da deren Zähne selten geputzt werden.

 

Die fortschreitenden Entzündungen verursachen irgendwann Dauerschmerzen. Ganz selten hören Hunde und Katzen auf zu fressen und dann auch nur wenn große Bereiche vom Gebiss betroffen sind.

 

Zahnschmerzen haben nichts mit Hunger zu tun.


Der Fresstrieb entsteht durch Hunger und ist völlig losgelöst vom Schmerzempfinden. Haben wir Zahnschmerzen, essen wir auch weiter. Wir entscheiden uns dann für Suppe oder Brei. Das ist ein Luxus, den unsere Haustiere nicht haben. Die fressen solange es irgendwie geht und schonen dabei die kranken Zähne. Manchmal wird sogar Trockenfutter bevorzugt, weil dieses unzerkaut runtergeschluckt werden kann.

 

 Das ist ein ganz natürliches Verhalten, denn wer in der Natur nicht frisst, der stirbt.

 

Am ehesten sieht man Fressauffälligkeiten bei Kleinhunden und Katzen. Diese schleichen dann oft um den Napf und lassen wiederholt Futterbrocken fallen. Hat ein Tier gar keinen Appetit und will überhaupt nicht fressen, liegt oft eine andere Krankheit vor.

 

Bleibt Parodontitis unbehandelt, eitert der betroffene Zahn und fällt irgendwann heraus. Dadurch ist das Problem vorübergehend „gelöst“. Meist hat sich die Entzündung bis dahin aber bereits auf die Nachbarzähne ausgebreitet und das Ganze beginnt von vorne.

 

Hier sind Bilder vom Unterkiefer zweier Hunde. Links ein fast gesunder Unterkiefer. Links zeigt die weiße Linie wo der Kieferknochen langlaufen sollte. Dieser hat sich links fast vollkommen zurückgebildet. Die grünen Linien zeigen wo der Kieferknochen aufhören sollte und die roten Linien bis wohin sich der Kieferknochen bereits zurückgebildet hat.

Beides dieser Hunde haben gefressen

 

Ein Zahn ist weniger als zur Hälfte mit dem bloßen Auge zu sehen.  Der Rest wird nur mithilfe des Zahnröntgens sichtbar.

 

Ob Mensch oder Tier,  zur korrekten Beurteilung der Mundhöhle ist es notwendig, die Zähne zu röntgen. Dadurch werden Zahnwurzeln, Zahnhalteapparat und Kieferknochen sichtbar. Hierfür wird bei unseren Haustieren eine Narkose benötigt. Dass man als Besitzer nervös ist, wenn eine Narkose ansteht, ist ganz normal.

 

Jeder medizinische Eingriff birgt ein Risiko und jede Narkose sowieso. Wichtig ist, dass jede Entscheidung zum Wohle des Tieres getroffen wird.

 

Problematisch ist das vor allem bei älteren Haustieren. Oft wird jahrelang, aus Angst, ein Zahneingriff vor sich hergeschoben oder es heißt, dass "das bisschen Zahnstein" doch keine Narkose Wert sei. Nicht selten breiten sich dann die Entzündungen auf das komplette Gebiss aus. Das belastet das Immunsystem und kostet dem Tier unter Umständen sogar Lebensjahre. Mit chronischen Schmerzen ist Lebensqualität herabgesetzt. Man sollte sich auch im Klaren darüber sein, dass der Patient der jetzt angeblich "zu alt ist“, vielleicht doch noch einige Jahre lebt.

 

Was macht man, wenn das Gebiss irgendwann so schmerzt, dass fressen nicht mehr möglich ist?

 

Katze hochgradige Parodontitis Zahnschmerzen

Diese bedauernswerte Katze hatte kaum noch gesunde Zähne im Maul. Am auffälligsten ist es an den Fangzähnen. Das Zahnfach ist auf beiden Seiten entzündlich vergrößert (weiße Pfeile) und die Wurzeln sind schon zur Hälfte freiliegend (rote Linie). Oft sagen die Besitzer, dass die Katze „Vampirzähne“ entwickelt hat.

 

Natürlich gibt es Patienten, die nicht mehr operiert werden sollten. Aber deren tatsächliche Anzahl ist sehr begrenzt. Falls Sie unsicher sind, sollten Sie sich eine professionelle Zweitmeinung einholen. Sprechen Sie den entsprechenden Spezialisten auf mögliche Folgen an, wenn man nicht eingreift. Was würde der Spezialist bei seinem eigenen Tier machen? Lassen Sie sich außerdem mögliche Eingriffe und Narkosen genau erklären. Mit modernen Mitteln kann man, selbst bei Risikopatienten, das Narkoserisiko deutlich schmälern.

 

In der modernen Tiermedizin gibt es gute Medikamente und Überwachungsmöglichkeiten, welche die Narkosesicherheit deutlich erhöhen. Vorsorgeuntersuchungen bieten zusätzliche Sicherheit.

 

Mit einer Inhalationsnarkose kann man zügig die Narkosetiefe anpassen und verhindern, dass Bakterien und Zahnsteinbrocken eingeatmet werden. Notfalls, kann sofort beatmet werden. Venöse Zugänge unterstützen den Kreislauf und ermöglichen die Gabe einer Dauertropfinfusion und weiterer Medikamente, bei Bedarf. Selbst bei einem geringen Narkoserisiko sollte man stets für einen möglichen Zwischenfall gewappnet sein. Fragen Sie nach, welche Möglichkeiten bestehen.

 

Diese Bilder sind von einem Hund. Rechts das Photo eines scheinbar unauffälligen Unterkiefers. Links das Zahnröntgen von derselben Stelle. Sichtbar wird ein Wurzelrest, welchen ich im Anschluss kieferchirurgisch entfernt habe. Dieser Fall verdeutlicht warum Zahnröntgen sinnvoll ist, selbst wenn scheinbar keine Probleme vorliegen.

 

Auf Lebensqualität kommt es an.

 

Lag ein schmerzhafter Zahnbefund vor, zeigt sich nach der Behandlung die wiedergewonnene Lebensqualität durch ein aufgeweckteres, lebenslustigeres Gemüt des Tieres. Der alte Hund will dann spielen oder verbellt den Postboten wieder. Manche Katzen fangen wieder an, zu jagen und bringen “kleine Geschenke” nach Hause, als Dankeschön für die teure Zahnbehandlung. Oft sind Hunde und Katzen wieder ganz verschmust, da manche mit der Zeit handscheu wurden durch die chronischen Schmerzen am Kopf.

 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Zahngesundheit zu fördern und Parodontitis vorzubeugen. Der Markt bietet dafür diverse Produkte an.

 

Die beste Prophylaxe ist  das regelmäßige Zähneputzen, so wie beim Menschen auch. Es kostet nicht viel Geld, nur etwas Geduld und Zeit.

 

Ich habe Verständnis dafür, dass das nicht in allen Lebenslagen oder bei allen Tieren möglich ist. Eine weitere Maßnahme, um die Mundhygiene wiederherzustellen, ist die professionelle Zahnreinigung. Für eine derart gründliche Reinigung und Untersuchung ist eine Narkose notwendig. Ansonsten kommt man nicht unter den Zahnfleischrand, an die Zahninnenflächen und an die hintersten Backenzähne heran. Zeitgleich wird geröntgt und gegebenenfalls weitere Maßnahmen durchgeführt.

 

Entscheidend dabei ist die korrekte Ausführung durch geschultes Personal. Die professionelle Zahnreinigung sollte einer Behandlung beim Zahnarzt entsprechen.

 

Vorher-nachher Bilder einer professionellen Zahnreinigung beim Hund. Das Vorgehen ist bei Katzen gleich.

Zusammenfassend:

 

Parodontitis ist eine der häufigsten Krankheiten unserer Hunde und Katzen  (circa 60-80% aller Hunde und Katzen)
und zeitgleich stark unterdiagnostiziert.

 

Sichtbare Veränderungen sind nur die Spitze des Eisberges. Das wahre Bild wird erst mit Zahnröntgen ersichtlich,
wie beim Human-Zahnarzt.

 

Einige krankhafte Veränderungen sind reversibel, wenn man früh genug eingreift. Wartet man zu lange,
kann man den erkrankten Zustand bestenfalls halten oder man muss Zähne ziehen.

 

Für eine gründliche Reinigung und Untersuchung, inklusive Zahnröntgen, ist eine Narkose unumgänglich.

 

Zum Wohle der Tiere sollte jeder Eingriff ethisch genau abgewogen werden und entsprechend diskutiert werden.

 

Schauen Sie Ihrem Liebling also ruhig einmal in den Mund. Risiken und Nutzen eines möglichen Zahneingriffs sollten Sie mit einem fachkundigen Tierarzt besprechen.

 

Helfen Sie mir dabei andere Menschen für die Gesundheit von Tieren zu sensibilisieren.

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© Alexandra Hodeau, Tierärztin